Sonntag, 9. September 2007

Herbsttriologie Teil 1: Das erste Mal

Ausschlaggebend für die kleine Reihe ist eine Situation vor nicht all zu langer Zeit und eine wiederholte Erinnerung an einen fernen Sommer, als ich begann mir Platten von Bands zu kaufen, die nicht in den Hitparaden rauf und runter gespielt wurden (z.b. von Journey, Prism und Led Zeppelin) und diese - Kaffee trinkend- lautstark am offenen Fenster zu hören. Sehr zu meiner Freude, weniger zu der der Nachbarn. Vergleichbar ist das wahrscheinlich mit den Kids, die heute in der S-Bahn mit ihren mp3-Handys die Mitreisenden nerven. Musik, Kaffee der Sonne und die Tatsache, dass ich da etwas für mich Neues machte, verstärkten sich zu einem Gefühl der (man entschuldige den altmodischen Begriff) Lebensfreude, der sich feste in meine Erinnerungen eingebrannt hat.

Später dann hörte ich immer noch gerne Musik. Bruce Hornsby verbinde ich z.b. heute noch mit dem Beginn meiner Studienzeit, die ich (inklusive der Lernerei) sehr genossen habe. Aber "das erste Mal" war quasi schon was ganz besonderes.

Spätestens hier fragt sich aber der Realist in mir, ob da die Erinnerung nicht mal wieder bestimmte Dinge ausgeblendet hat. Und richtig: Den Ärger den es wegen der lauten Musik mit meinen Eltern gab, hab ich vergessen zu erwähnen.

Und trotzdem bleibe ich dabei, dass erste Mal (oder die ersten Male) sind oft etwas ganz besonderes. Mein erstes Computerspiel, meine erste eigene Wohnung, der erste Urlaub ohne die Eltern und vieles mehr habe ich noch sehr intensiv in Erinnerung. Später dann nutzte sich das Gefühl dann etwas ab. Dazu aber mehr im zweiten Teil.

Man würde die Wahrheit wohl aber zu sehr verdrehen, wenn man behaupten würde, jedes "erste Mal" wäre etwas ganz Besonderes. Gerade bei dem ersten Mal, an dass der Leser wahrscheinlich beim Lesen der Überschrift bereits gedacht hat, ist häufig zwar einprägend, aber die Freude daran entwickelt sich in vielen Fällen erst im Laufe der Zeit. Auch das erste Bier war wirklich nicht sehr lecker. Die Freude am Wein hat sich bei mir auch erst später ausgebildet.

Auf viele erste Male hätte ich übrigens auch gut und gerne verzichten können. So wurde seitens der Verwandtschaft ein riesiges Aufhebens um die erste Rasur gemacht. An der habe ich heute noch keinen Spaß. Auch der erstmalige Verlust des Wohnungsschlüssels, dem viele weitere folgen sollten, ist nicht besonders gut in Erinnerung und das Gefühl des Ärgers und der Wut über sich selbst, hat sich bei den anderen Malen nicht abgenutzt.

Was bleibt nun aus diesen Gedanken zu den "ersten Malen"?

Für mich sicher nicht, im Alltag ständig nach neuen Kicks zu suchen, die, wenn sich die Euphorie nachlässt, mit dem nächsten Kick ersetzt werden müssen. Vielleicht eher die ersten Male, die es mit über 40 noch gibt, etwas bewusster zu erleben und nicht zu verhunzen (wozu ich manchmal neige). Aber ich bin da nicht sicher. Manchmal überrascht einen das Leben ja ganz plötzlich mit einem Moment. Wie z.b vor nicht all zu langer Zeit, als ich alleine durch Lüneburg ging und plötzlich das erste Mal das Gefühl hatte, "angekommen" zu sein. Und das hatte nichts mit dem Gefühl von "Ende" zu tun.

Kommentare:

Falcon hat gesagt…

Schön geschrieben.
Und es ist ja wirklich so, dass irgendwann einmal die ersten Male rar werden. Ich halte mich in solchen Fällen daran, dass es "wieder einmal" schön war.
Aber zum Glück gibt es ja immer noch ein paar Dinge, die einem auch im hohen Lebensalter zum ersten Mal passieren ;-).
Das Gefühl, ganz angekommen zu sein, hab ich leider noch nicht; irgend etwas ist da, was mich immer wieder einmal zu einer Veränderung zieht.

Falcon hat gesagt…

Übrigens, sehe ich das richtig - Sonntag morgen um 6.12 Uhr treibt es Dich aus dem Bett?
Brrrr!

Rotfell hat gesagt…

Manchmal sind es aber auch keine 1.Male, die einem in besonderer Erinnerung bleiben, sondern die Kombination verschiedener Faktoren. So erinnere ich mich zum Beispiel noch sehr genau an den Abend, an dem ich Tomb Raider (den ersten Teil, glaube ich) auf meinem ersten PC gespielt habe, die orange Lavalampe lief direkt in meinem Sichtfeld dabei und ich hörte "I'll be missing you" in Erinnerung an Noutorius B.I.G. (wird wahrscheinlich anders geschrieben) und lief gerade durch den Anfang des Spiels: die Höhle mit den Fledermäusen und Wölfen. Dabei hatte ich einen Hauch Liebeskummer oder eher Kummer wegen Ungeliebtsein. Dolles Gefühl, sich daran zu erinnern.

Klapsenschaffner hat gesagt…

Die ersten Male des konsumierens (siehe Wein,Bier....) erklärt der gestandene Brite mit den Worten "acquired taste" und beschreibt es damit derart gut, dass ich es erst gar nicht holprig übersetze.
Das Gefühl des angekommen seins fehlt mir glaube ich bis heute, auch wenn ich immer wieder so nah dran bin, dass ich zu wissen glaube, wie es sich anfühlt.

unkita hat gesagt…

@falcon: Das angekommen, war auch mehr so als Basis gemeint, zu der man immer wieder gerne zurück kommt. Soll nicht heißten, dass ich jetzt in Ruhe der Rente entgegensehe. Und... ich hatte die algerische Zeitzone eingestellt. War aber dennoch früh wach, da strohbewitwet und da teibt es mich meist früher aus dem Bett.

@fell: Ja, die erste Lara. Daran kann ich mich auch noch gut erinnern. Obwohl ohne Liebeskummer.

@schaffner: Die Briten haben manchmal richtig helle Momente, wenn es nciht gerade um Porridge geht. Und zum anderen Thema: s.o. ;-)

Falcon hat gesagt…

Das mit der Zeitzone beruhigt mich ja. Dann ist es wenigstens nicht ganz so früh gewesen ;-).
Um noch was zum Thema zu sagen - meine erste Lara war auf dem Sega Saturn.
Nach den ersten Hüpfern ins Bodenlose ist meine Sympathie für die Serie schlagartig erloschen und bis heute nicht wieder entflammt.
Liebeskummer hatte ich allerdings damals keinen, eher im Gegenteil.

Anonym hat gesagt…

Wirklich schöner Text. Bei mir überwiegen momentan eher die "letzten" Male, so kurz vor dem Umzug. Schon komisch, wenn sich nach so langer Zeit alles auflöst und alle Freunde in die Welt entschwinden.

unkita hat gesagt…

@falcon: Ich kann mich, trotz aller Lobhudelei auch nicht so recht an dem letzen Teil begeistern.

@adda: Tja, aber einen Teil der Leute wird man Gott sei Dank nicht los. Ist dann leider meist nur immer mit größeren Reisen verbunden.